Neuerwerbung

15 Arbeiten auf Papier von Ulrich Meister

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (Hemd), 1999. Edding auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11676 / rechts: Ulrich Meister,Ohne Titel (Hemd), 1999. Edding auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11676


Der 1947 geborene, aus Merishausen stammende und in Düsseldorf lebende Künstler verstarb im Jahr 2023. Anlässlich einer posthumen Einzelausstellung in der Vebikus Kunsthalle kam es zum Ankauf eines Konvoluts von Arbeiten auf Papier, das weitreichende Einblicke in die Arbeitsweise ermöglicht und zugleich ein breites Spektrum seines Schaffens abdeckt.

Zwei zentrale Motive in Ulrich Meisters Oeuvre sind die Beschäftigung mit der ihn umgebenden Dingwelt sowie die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Text und Bild. Diese fanden in der Werkauswahl eine besondere Berücksichtigung.

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (Heft), 2002. Edding auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11662 / rechts: Ulrich Meister, Ohne Titel (diverse), 2020. Collage auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11665

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (Heft), 2002. Edding auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11662 / rechts: Ulrich Meister, Ohne Titel (diverse), 2020. Collage auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11665

Beim Blick auf Meisters Werk ist das Wechselspiel zwischen der Banalität der Motive und der verhandelten (oder aufblitzenden) Komplexität der Welt augenscheinlich. Sein Ansatz findet sich dabei in einer sonderbaren Zwischenwelt verschiedener Traditionen jüngerer Kunstgeschichte: Die Beschäftigung mit Alltags- und Konsumgütern ist fest mit der Strömung der Popart verbunden. Von ihr wurde sie zelebriert, ebenso wie die Strategie der Repetition der Motive.

Auch bei Meister tauchen einige Motive immer wieder auf, Warhols Campell Dose ist bei ihm die Getränkedose oder das Käsestück. Mit der Konzeptkunst eines Joseph Kosuth verbindet Ulrich Meister die akribische, manchmal visuell karge Untersuchung der real existierenden Welt zusammen mit der Arbeit am Verhältnis zwischen (Real-)Objekt, seinem (Ab-)Bild und seiner Beschreibung. Dabei kommt es durch die wiederholte Beschäftigung zu einem (visuellen) Befragen der Objekte. Dieses ist verbunden mit dem Freilegen von Bedeutungsebenen und dem Versuch der Reduktion auf den wesentlichen Kern. Bei Meister bekommen auch maschinell produzierte Massenprodukte ihre Eigenständigkeit, man könnte sagen: ihren Charakter zurück. Die Überfülle der Konsumwelt ist plötzlich erträglicher, denn es sind nicht unendlich scheinende, austauschbare Güter, sondern Objekte mit Form und Charakter. Eine einzelne Coladose wird durch seinen Blick zu einem Objekt, das Beachtung verdient, Wert hat, gar eine sonderbare Art der Liebenswürdigkeit entwickelt.

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (diverse), 2006. Collage auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11666 / rechts: Ulrich Meister, Ohne Titel (Unterwäsche), 2019. Scherenschnitt und Filzstift auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11669

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (Getränkedose), 1997. Scherenschnitt, Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11668 / Ulrich Meister, Ohne Titel (Warnkegel), 2019. Scherenschnitt, Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11667

Meister spielt häufig mit den Erwartungshaltungen an ein Kunstwerk, die er dabei gerne bewusst unterläuft. Seine nonchalante Wahl der Arbeitswerkzeuge geht oftmals mit einer Reduktion des Motivs auf wenige Linien einher. Auf diese Weise erzeugt er regelmässig Motive im Kippmoment zwischen klarer, eindeutiger Erkennbarkeit des Objekts und seiner Auflösung in eine Form, die vieles sein oder für vieles stehen könnte. Wann hört die Form eines Käses auf, eindeutig die Form eines Käses zu sein?

Seine visuellen Untersuchungen der Dingwelt beinhalten zudem Quervergleiche, die auf den ersten Blick überraschend scheinen. So bringt er beispielsweise ein Waffeleisen, ein Behältnis mit Kaffee sowie ein kleines Schwimmbecken in Form einer Collage auf einem A4-Papier zusammen. Das vergleichende Sehen der Objekte öffnet dabei unerwartete Perspektiven auf die Einzelobjekte.

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (Stelzen), 2018. Filzstift und Kugelschreiber auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11670 / rechts: Ulrich Meister, Ohne Titel (Text), 1999. Schreibmaschinenfarbe auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11671

Die Sinnlichkeit der Dinge, die aus seinem Ansatz spricht, wird beim Blick auf die kargen, reduzierten Linienwerke auf den ersten Blick gar nicht deutlich. Doch sie ist vorhanden und ein wichtiger Teil der Auseinandersetzung Meisters mit Objekten. Ein kurzer Tagebucheintrag des Künstlers veranschaulicht dies: «Der Grossvater bei der Vesper. Sein lautes Kauen und Räuspern dabei. Dann, wie er jeweils mit der Linken den Laib Brot hochhebt und mit dem Messer von aussen nach innen eine Scheibe abschneidet (der Daumen gespreizt), dazu ein Stück Emmentaler Käse, ein Glas goldgelber Most. Der Duft, der den Dingen entströmt. Die Zufriedenheit, die er dabei ausstrahlt, während er es sich schmecken lässt, ein wenig schläfrig. Das erlebt zu haben, hat allein schon das Leben gelohnt.»

Goldgelber Most, ein Laib Brot, Käse, der Duft der Lebensmittel und die Zufriedenheit des Essers: Die Dinge sind lebendig und stehen in Verbindung zum Menschen. Sie lösen Gefühle aus, prägen Atmosphären und evozieren Erinnerungen. Auch wenn Meisters OEuvre fast menschenleer ist, so geht es doch stets um sie. Die Dinge in seiner Umgebung erzählen Geschichten, in diesem Fall über den Grossvater – doch letztlich auch immer über die Gesellschaft, die Zeit und über uns.

links: Ulrich Meister, Ohne Titel (diverse), 2010. Collage und Fotodruck auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11672 / Rechts: Ulrich Meister, Ohne Titel (diverse), 2009. Collage und Fotodruck auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11673 / unten: Ulrich Meister, Ohne Titel (Löffel), 1998. Gedruckte Farbe auf Papier, 29.7 x 21 cm (Blattmass), Inv. B11675

Julian Denzler, M. A.
Kurator Gegenwartskunst, Museum zu Allerheiligen

Hier finden Sie die Beschreibung dieser Neuerwerbungen im Jahresbericht 2023 / 2024.